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  #1  
Alt 08.10.2018, 13:51
Lolo Lolo ist offline
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Registriert seit: 08.10.2018
Ort: Großraum Frankfurt
Beiträge: 3
Unglücklich Sternenkind nach ICSI

Hallo liebe Forumuser,

ich habe mich hier im Forum angemeldet, da ich mir erhoffe, Antworten/Ratschläge/Hilfe von "Mitleidenden" zu bekommen.

Vielleicht erstmal zu meiner/unserer Geschichte:

In den vergangenen zwei Jahren versuchten mein Mann und ich vergeblich schwanger zu werden. Auf einige negative Tests, Niedergeschlagenheit und Wut folgten Arztbesuche, Untersuchungen, Gespräche,...

Bei mir wurde PCOS (Polyzystisches Ovarsyndrom) festgestellt - mein Körper habe wohl nach dem Absetzen der Pille nicht mehr gewusst, wie das Ganze funktioniert und läuft seit dem nicht mehr rund. Eine Schwangerschaft auf natürlichem Wege sei nicht so einfach, aber auch nicht auszuschließen. (Na immerhin weiß ich seit dem, woher meine fürchterliche Akne kommt.. )
Bei meinem Mann wurde einige Wochen später festgestellt, dass seine Spermienproduktion enorm eingeschränkt ist - ein weiterer Schlag. Die Chance auf natürlichem Wege schwanger zu werden fiel weiter ab - sein Urologe empfahl uns den Weg in eine Kinderwunschklinik.

Nachdem wir uns mit dem Gedanken angefreundet hatten, machten wir einen Infotermin aus. Die Klinik verließen wir mit einem sehr positiven Gefühl, es wurde uns extreme Hoffnungen (aufgrund unseres "jungen" Alters und der körperlichen Fitness) gemacht, dass eine ICSI schnell anschlagen würde.
Im Sommer entschieden wir uns dann, mit der Therapie zu beginnen: Hormone, Spritzentraining, Spritzen, OP (Eizellenpunktion), Transfer, Blutentnahmen .. und da war der Moment! Wir waren überglücklich, die ICSI war erfolgreich und wir bekamen die positive Nachricht, dass wir ein Kind erwarten. Vor Freude sind wir durchgedreht - ein unbeschreibliches Gefühl.
Da war es echt schwierig diese frohe Botschaft für uns zu behalten.
Bei mir auf der Arbeit (Grundschule) wussten schnell alle Bescheid, da ich aufgrund einer fehlenden Immunisierung nicht mehr arbeiten gehen durfte, was wirklich schlimm war - aber ich wusste ja wofür!


Am 11.09. war es dann soweit - der "große" Ultraschalltermin war da - Abschluss des ersten Trimesters - noch am gleichen Tag wollten wir all unsere Freunde informieren, viele ahnten es bereits. Der Termin begann fabelhaft, wir sahen unser süßes kleines Würmchen, wie es strampelte und mit den Armen hin und her zappelte. Meine Gynäkologin beschrieb uns alles sehr genau - es war alles dran, alles wunderbar, Größe, Herzschlag, perfekt. Plötzlich wurde sie still, machte ein "Foto" nach dem anderen - bis sie die Worte aussprach, die wir wohl nie in unserem Leben vergessen werden können: "Es tut mir schrecklich leid, aber ihr Kind hat eine große Fehlbildung am Kopf, das sieht nicht gut aus."

Sie schickte uns daraufhin in ein nahegelegenes Krankenhaus, nachdem sie mit einem bekannten Arzt dort telefonierte. Dieser sagte zu, noch am selben Tag sich alles anzuschauen - Diagnose: Frontale Enzephalozele. 0% Überlebenschance. Schock. Fassungslosigkeit. Tränen. Eine wohl recht "ambitionierte" (man könnte auch OP-geile) Oberärztin kam dazu, brachte unzählige Assistenzärzte mit und fing an, in Schränken nach "den Nadeln" zu suchen. Als ich irgendwann laut aufschrie, was denn los ist und was gerade passiert, sagte sie, sie wollte mit einer Nadel durch meine Bauchdecke stechen, DNA von unserem Kind entnehmen und diese untersuchen. Auf meine Frage hin, ob das meinem Kind helfen würde, kam nur: "Diesem Kind? Nein! Entweder ich schneide sie jetzt auf und es ist tot oder sie warten noch 6 Monate und dann ist es eben nach der Geburt tot. Ich will nur wissen, obs genetisch ist und wieder passiert." Je öfter ich an diese Begegnung denke, desto wütender werde ich. Wie kann man so abgestumpft sein? Arzt hin oder her - "Abstand" hin oder her - sowas macht man nicht! Punkt. Ihr Kollege, der auch den Ultraschall durchführte, sagte daraufhin, wir sollen nach Hause gehen, diese Untersuchung könne man auch wann anders machen.

Ich weiß gar nicht, wie wir von dort nach Hause gekommen sind - irgendwie haben wir es geschafft. Wir bekamen Unterstützung von unseren Eltern und Geschwistern.
Nach wenigen Stunden hatte ich das Gefühl, ich müsse stark sein und alle um mich herum trösten. Meine Mutter und mein Mann brachen völlig in sich zusammen und ich kämpfte, um stark zu sein. Ich rief bei Spezialisten an, machte Termine aus, kümmerte mich.
Kurze Zeit darauf war klar, dass unser Kind keine Chance hatte zu überleben und wir entschieden uns für einen Schwangerschaftsabbruch. Dieser wurde am 18.09. durchgeführt.
Seit dem befinde ich mich in einer noch größeren Trauer als vorher. Meine seelischen Schmerzen sind manchmal so groß, dass ich gerne mit den Fäusten irgendwo gegen Wände schlagen wollen würde, nur damit es aufhört. Um mich herum "normalisiert" sich alles - langsam, aber stetig. Mein Mann geht seit 3 Wochen wieder arbeiten, es wird nicht mehr darüber gesprochen, regelrecht totgeschwiegen. Ich habe nur zwei Freundinnen, mit denen ich intensiver über das Thema sprechen konnte/wollte. Eine ist selbst Mutter einer fast dreijährigen Tochter, die andere möchte keine Kinder haben. Beide haben auf ihre Weise versucht mir zu helfen, was aber oft in "Das wird schon wieder"-Sätzen endete. Schon nach kürzester Zeit sagten sie, dass wir nicht mehr darüber sprechen sollten, es müsse weiter gehen, ich soll nach vorne schauen. Nächste Woche muss ich wieder arbeiten gehen. Ich liebe meinen Job, habe aber fürchterliche Angst, "meinen Kids" (ich bin Klassenlehrerin einer 2. Klasse) nicht gerecht zu werden. Mein Mann spricht ständig vom "nächsten Versuch" in der Kinderwunschklinik. Ich weiß nicht wo mir der Kopf steht. Ich beschäftigte mich Tag ein Tag aus nur damit, die Nerven zu bewahren und die Tränen zu unterdrücken. Ich brauche wirklich dringend Hilfe - ich fühle mich alleine, leer und ich bin so unsagbar traurig. Ich vermisse meinen kleinen Stern so sehr - ja, ich konnte sie oder ihn noch nicht fühlen, ja, ich weiß nicht mal, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre. Aber trotzdem trauere ich. Und trotzdem hab ich diese Schmerzen.
Was kann ich tun?
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  #2  
Alt 08.10.2018, 20:39
Mandy1988 Mandy1988 ist offline
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Registriert seit: 03.10.2018
Beiträge: 6
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Liebe Lolo,

nun sind wir fast gleichzeitig Sternenmama geworden, und doch finde ich keine passenden Worte. Es ist so unfassbar ungerecht. Und es tut mir sehr leid.

Alle Worte, die man sagen kann, sind nicht passend und da ich selbst noch in so tiefer Trauer bin, weiß ich gar nicht, ob ich dir Wirklich Rat geben kann.

Ich weiß ja nicht ob es was für dich wäre, aber ich habe diese Woche ein Trauergespräch bei einem Pfarrer. Und ich werde mir eine Trauergruppe von verwaisten Eltern suchen. Denn ich glaube ich brauche den Austausch mit anderen Sternenmamas. Und doch weiß ich nicht, ob es der Trauerverarbeitung helfen wird.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du bald einen neuen Versuch wagst und reich belohnt wirst. Versuch jemanden zum Reden zu finden und den für dich richtigen Weg einzuschlagen. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute,

Fühl dich gedrückt, Mandy
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  #3  
Alt 09.10.2018, 09:30
Mareike123 Mareike123 ist offline
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Ort: Mannheim
Beiträge: 22
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Liebe Lolo,
erst einmal umarme ich dich ganz fest. Was dir passiert ist, ist furchtbar und du hast jedes Recht traurig und wütend zu sein.
Ich weiß, dass es schwer ist, jemanden in so einer Situation einen Rat zu geben. Das liegt daran, dass jeder anders trauert. Das Einzige, was ich dir mitgeben kann, ist, auf dich zu hören. Wenn dein Körper weinen will, dann lass ihn weinen. Wenn du wütend bist, dann suche dir ein Kissen und boxe rein. Oder geh laufen. Mach das, was sich in der Situation am besten für dich anfühlt. Wenn du sprechen willst, dann sprich oder schreibe. Du kannst mir auch gern eine PN schreiben.
Vielleicht hilft dir auch die Vorstellung, dass dein Kind nicht allein im Sternenhimmel ist. Spätestens wenn es meinen Zwerg kennenlernt, wird es keine Langeweile oder Traurigkeit mehr kennen. Der hat nämlich nur Unsinn im Kopf ��
Ich schicke dir ganz viele wärmende Sonnenstrahlen und wünsche dir ganz viel Kraft,
ganz liebe Grüße,
Mareike
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  #4  
Alt 11.10.2018, 00:23
IngerT. IngerT. ist offline
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Registriert seit: 02.07.2016
Beiträge: 63
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Liebe Lolo,
es tut mir so leid, dass dein kleines Kind so krank war und nicht bei euch bleiben konnte. Meine Tochter Leni hatte Trisomie 18 und kam in der 16. SSW durch einen Abbruch auf die Welt. Das ist jetzt 6 Jahre her, aber wenn ich deine Geschichte lese, fühlt es sich wie gestern an. So ein Abbruch ist ja auch noch mal eine besonders "komplizierte" Verlusterfahrung, finde ich.
Ich habe sehr viel unterschiedliche Dinge ausprobiert, um mit der Trauer umzugehen. Aber am meisten hat mir die intensive Beschäftigung mit ihr geholfen: einen schönen Erinnerungsort schaffen, Briefe schreiben, eine Kerze anzünden etc. Konntest du irgendwelche Erinnerungsstücke "retten"? Wie fühlt sich der Gedanke an, zurück in die Schule zu gehen? Könntest du dich vielleicht noch länger krank schreiben lassen? Wichtig ist jetzt, dass du gut auf dich hörst: Was tut dir gut, was könnte dir helfen? Und lass dir nicht einreden, dass alles wieder beim Alten sein sollte, das Leben einfach so weiter geht und du nach vorne schauen sollst. Dein Kind hat dich verändert, nichts ist mehr wie es war, und das wird so bleiben, dein Kind wird dich dein Leben lang begleiten. Vielleicht kannst du Menschen treffen, die Ähnliches erlebt haben und deinen Schmerz aushalten können. Die Freundinnen, von denen du schreibst, scheint das schwer zu fallen. Ich finde es sehr wichtig, dass man auch mit anderen über sein Kind und die Erfahrung des Abbruchs spricht (und sprechen darf!!!) Alle Mamis möchten doch über ihr Kind sprechen!!! Schreib mir gern auch eine private Nachricht, wenn dir danach ist. Jetzt sage ich erstmal gute Nacht und wünsche dir viel, viel Kraft und alles Liebe. Inger
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  #5  
Alt 12.10.2018, 09:26
Katharina1979 Katharina1979 ist offline
aktiver Benutzer
 
Registriert seit: 19.09.2016
Ort: Hessen
Beiträge: 172
Standard Liebe Lolo

Liebe Lolo,


ich begrüße Dich hier im Forum und möchte Dir mein tief empfundenes Beileid für den Verlust Eures Kindes ausdrücken. Es gibt einfach nichts Schrecklicheres.
Ich hoffe Dein Mann und Du konntet inzwischen ein wenig zur Ruhe kommen und Euch auch miteinander austauschen, denn auch für eine Beziehung kann ein solcher Verlust eine große Belastungsprobe sein. Passt gut auf Euch auf und versucht, Verständnis für die unterschiedlichen Arten des Trauerns zu haben.


Mein Mann und ich haben in unserer zweiten Schwangerschaft etwas ähnliches erleben müssen, unsere Tochter hatte Anencephalie und auch wir haben uns schweren Herzens für den Abbruch entschieden, eine Entscheidung, die sich auch heute noch richtig anfühlt. Aber ja, wie Inger schon gesagt hat, dies ist eine nochmal kompliziertere Form der Trauer. Ein Kind, das man so sehr gewollt hat, gehen lassen zu müssen- und das eben auch so entscheiden zu müssen- ist unfassbar brutal.


Wie kommt man damit zurecht? Ich schliesse mich auch da meinen Vorrednerinnen an. Paß auf Dich auf, tu, was Dir gut tut. Für mich war das draußen sein, Bewegung. Vielleicht ist es für Dich eher still drinnen sitzen? Umgib Dich mit hilfreichen Menschen, das kann schwer zu finden sein. Ich war sowohl in einer lokalen Selbsthilfegruppe als auch bei einer Therapeutin. Beides hat keine Wunder bewirkt, war aber auf jeden Fall hilfreich und unterstützend.

Für mich war auch lange der medizinische Hintergrund wichtig, ich habe verzweifelt versucht, "die Ursache" zu finden, Veröffentlichungen gelesen, mit Spezialisten gesprochen etc.- das führte eher ins Leere.
Und nach dem Erlebnis mit diesem Monster von einer Ärztin steht Dir danach vermutlich auch nicht der Sinn.Über diese Begegnug bin ich endlos entsetzt- vielleicht magst Du dieser Person, wenn Du mal mehr Kraft hast noch einmal mehr Empathie ans Herz legen? Wenn Du magst, schreibe ich dieser gräßlichen Person auch gerne einen Brief mit den entsprechenden Worten.



Soviel erstmal für heute, schreibe gerne weiter hier oder per PN, ich wünsche Dir und Deinem Mann viel Kraft für die nächsten Wochen
Alles Liebe, K
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Stichworte
icsi, sternenkind, trauer

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