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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Das Verständnis der "Außenwelt"


InesF
15.12.2005, 12:04
Hallo,

ich habe jetzt in so vielen Beiträgen von den (fehlenden) Reaktionen von Verwandten oder Bekannten gelesen. Ich glaube, da haben wir wohl alle so unsere Erfahrungen...
Letztes Wochenende war ich seit Monaten das erste Mal wieder bei meinen Eltern. Sie leben wie der Rest meiner zahlreichen Verwandten leben in einem kleinen Dorf in Thüringen. Ich war 30 geworden, und da wir uns schon um Weihnachten "drücken", mußte die Verwandtschaft wenigstens hier geschlossen anrücken.
Was ich am schlimmsten finde, ist dass niemand - nicht ein einziger - auch nur ein Sterbenswörtchen über Hannah und ihren Tod geäußert hat. Kein "Es tut mir so leid", keine Umarmung, nichts. Einfach zur Tagesordnung übergehen. Dabei war niemand zu Hannahs Beerdigung gekommen, niemand hatte uns seitdem gesehen. Das tat wirklich weh.
Ich habe große Angst, dass Hannah totgeschwiegen wird. Sie war so tapfer, so ein toller kleiner Mensch - sie hat mehr verdient!!!
Wir haben Hannahs Bilder in ein Album geklebt und es demonstrativ herumgereicht, einfach, weil wir möchten, dass sie unsere Kleine kennen lernen, sie als Teil unseres Lebens uns also auch als Teil ihrer Familie sehen. Und entgegen meiner Befürchtungen haben sie auch alle interessiert die Bilder angeschaut.
Die Gespräche, die daraus entstanden, nahmen allerdings wieder den gegenteiligen Verlauf: Ja, so klein, so schwer, so unwahrscheinlich.. Aber der Kleine von X, der war ja auch nur 520g schwer und der hat es ja geschafft! (Hannah hat es ja nicht geschafft, warum also über sie reden?) Und die Frau X, die hat es ja manchmal wirklich schwer (Uns ist das ja erspart geblieben!). ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!
Jeder kennt plötzlich irgendwen, jeder weiß genau Bescheid. Schon in der Schwangerschaft war es so. Kannte ich bisher nur das Idealbild der glücklichen unbeschwerten Schwangerschaft mit den üblichen Wehwehchen, hatten sie immer die Beispiele parat von Leuten, die Probleme hatten. Natürlich erst, nachdem ich eben diese Probleme hatte! Nach meiner ersten Fehlgeburt bekam ich von überall her Geschichten zu hören, wem es genau so ging...

Ich weiß, das alles drückt wahrscheinlich einfach nur die Unsicherheit der Leute aus, die nicht wissen, was sagen oder tun. Und wahrscheinlich würde ich es auch falsch machen, selbst wenn ich inzwischen um einiges mehr sensibilisiert bin.
Trotzdem...
Ist es denn so schwer, uns einfach mal still in den Arm zu nehmen?
Wie geht Ihr mit der "Außenwelt" um und sie mit Euch?

Ganz liebe Grüße
Ines

sabrina80
15.12.2005, 14:19
Liebe Ines,
es tut mir so leid, dass keiner nach euch und Hannah fragt! Ja, die Außenwelt meint es ja eigentlich nur gut, doch das Verhalten, das tut uns noch mehr weh, als wenn uns einfach jemand mal fragen oder ansprechen würde!
Nach Lauras Tot habe ich von meiner "Schwägerin" das Buch von Hannah Lottrop gliehen bekommen (sie hat es wohl direkt gekauft als Laura gestorben ist)! Nachdem ich es gelesen habe, gab ich ihr das Buch zurück und sie laß es selbst einmal. Doch an ihrem Verhalten finde ich, sie hat das Buch nicht richtig oder garnicht gelesen. Sie versteht es einfach nicht wenn es mir zu schlecht geht und ich einfach nicht auf Geburtstage gehen kann! Auch dass wir an Weihnachten alleine sein wollen, wird nicht wirklich akzeptiert. Ich habe ihr wohl gesagt dass wir alleine sein wollen, doch einige Tage später rief sie meinen Freund an und fragte ihn nochmal persönlich. Es war bzw. ist ja nicht nur mein Wunsch, nein auch Sven möchte nicht zu seiner Familie an Weihnachten! Kam mir vor als würde sie mir nicht glauben! Und solche Sachen gibt es immer und immer wieder! Auch wenn ich in der Schwangerschaft irgendetwas hatte, sie musste mir immer sagen dass es bei ihr nicht so war! Sie hat mir auch erzählt, sie hat mit ihrem Frauenarzt über meine Schwangerschaft gesprochen, super oder! Ach, warum kann man sich nicht einfach die Familie aussuchen! Ist jetzt etwas länger geworden, doch es tut gut, einfach mal alles von der Seele zu schreiben und zu wissen, dass man verstanden wird! Danke!
Wir werden das schon irgendwie packen!

traurige liebe Grueße

Sabrina mit Laura Sophie (*08.08.05 +09.08.05) ganz fest im Herzen

stefanie1977
15.12.2005, 23:49
Hallo

Ich kann noch gar nicht viel zu meiner Außenwelt sagen. Die meisten wissen es noch gar nicht. Ich weiß nur, wie meine Oma und meine Freundin reagiert haben. Meine Oma hat nichts dazu gesagt, aber sie war einfach für mich da. Sie kam Nachts sofort zu uns und passte auf meine Kinder auf. So konnte ich wenigstens in der Hinsicht in Ruhe ins KH gehen und wußte das die beiden gut aufgehoben waren. In der Situation war mir das erstmal das wichtigste. Meiner Freundin hatte ich nur ne SMS geschickt, weil sie Babysachen für mich aufhebt. Ich habe ihr nur geschrieben, das wir unser Baby verlohren haben und ich mich bei ihr melden werde, wenn es mir besser geht. Sie schickte mir nur eine SMS zurück, das sie mit uns mitfühlt und eine Kerze für unseren Engel angezündet hat. Das hat mir mehr bedeutet als es tut mir leid und so. Sie läßt mir Zeit und ich bin mir sicher das sie einfach nur für mich da gewesen wäre, wenn sie um die Ecke wohnen würde. Sie weiß, das ich nicht alleine bin und läßt mich in Ruhe. Das ist mir auch ganz lieb. Der Vater meines Freundes war sehr berührt und irgendwie beruigt, das wir denoch ein Baby möchten. Seit dem ruft er zwar jeden Tag an aber von unserem Engel spricht er nicht. Ich denke ihm ist es wichtig zu hören das wir noch "leben" aber ansonsten ist ihm dsa Thema zu viel.


Liebe Grüße Stefanie

Kirsten1971
15.12.2005, 23:56
hallo
ich hatte eine erfreuliche begegnung. eine woch nachdem ich unser baby verloren hatte (20. ssw) habe ich eine freundin mit ihrer bekannten getroffen. die bekannte (ich kannte sie nicht) hat irgendwie mitbekommen was passiert war und anstatt der üblichen sprüche sagte sie :ich glaube dafür gibt es keine worte und erstrecht keinen trost. warum können verwante nicht mal so taktvoll sein ?
liebe grüße kirsten1971

kathrin79
16.12.2005, 09:12
Hallo liebe Ines!

Tja, das mit der „Außenwelt“ und deren Umgang mit uns und unserer Situation ist schwierig. Ein Jahr habe ich jetzt versucht Kiara, den anderen nahe zubringen. Es gibt Menschen, da stößt man auf taube Ohren x((dann höre ich auf von Kiara zu erzählen, denn sonst ärgere ich mich nur, dass ich ihnen etwas von mir preisgegeben habe und sie es nicht verstehen) und dann gibt es die Menschen die zuhören und nachfragen. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, wem man was erzählen kann und wem lieber nicht. Es war/ist schwer zu akzeptieren, das es immer Menschen gibt die uns nicht verstehen. Aber wenn man das erst einmal erkannt hat, fällt einem der Umgang mit der „Außenwelt“ etwas leichter. Ich sage mir dann, wer sich nicht für Kiara interessiert, hat es nicht verdient was von ihr zu erfahren…..und über solche dummen Menschen möchte ich mich nicht mehr ärgern!

Liebe Grüße
Kathrin mit * und Kiara im Herzen


" Hinterm Horizont geht`s weiter,..."

Antje_Selina
20.12.2005, 13:33
Hallo Ihr Lieben,

ich denke, die Aussenwelt reagiert so, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Damit sie uns in der schweren Zeit nicht verletzen, wird alles lieber totgeschwiegen.
Ich weiss es deshalb, weil es mir so ging (da hatte ich noch keine FG). Ich kannte auch eine Frau, die ihr Baby nach einem Kaiserschnitt verlor. Ich wusste garnicht, wie ich mich verhalten sollte.
Sie hat von Ihren Baby ein Bild im Wohnzimmer hängen. Als ich sie besuchte, sah ich mir das Foto immer wieder an und dachte, mensch was sag ich nur. Dann fiel mir auf, das das Baby ihrem grossen Bruder sehr ähnlich sah. Damit habe ich dann angefangen und ich merkte, wie sie mit mir darüber reden wollte. So haben wir uns dann auch unterhalten. Über die Geburt, die schöne kurze Zeit, die sie mit ihrem Baby hatte und die Beerdigung. Alles rund um das kleine Mädchen.
Es tat ihr gut und ich habe damals gelernt, das man darüber reden muss.

Mir ging es anders. Von meiner Schwangerschaft wusste keiner etwas. Weder meine Kinder noch meine Mum oder jemand anderes. Nur Männes Eltern und Geschwister. Die haben aber auch nie mit uns über unseren Verlust gesprochen. Wir haben allein getrauert. Die beiden folgenden SS hatten wir somit auch keinem erzählt, erst wenn wir 12.Woche gewesen wären, wollten wir es erzählen. Aber so weit kam ich ja leider nie.

Seid alle ganz lieb gegrüsst.

Kirsten1971
21.12.2005, 16:14
hallo ihr lieben
es sieht wirklich so aus, als wenn man nur hier bei euch verständnis und trost erhält!!
am wochenende war traditionelles grünkohlessen bei meinen eltern, meinen bruder und seine frau habe ich seit ungefähr 3 monaten nicht mehr gesehen. meine mutter hatte denen von unserem baby erzählt als alles noch in ordnung war und meine schwägerin hat gleich ihr babybett angeboten. auch andere verwante riefen an und hatten noch irgendetwas von ihren kindern. wir freuten uns sehr darüber, denn erstens haben wir keine sachen mehr von den großen ( war ja ein überraschungskind ) und dann haben wir gemerkt das sich alle mit uns freuen. als aber unsere kleine maus zu den sternen gegangen war hat sich keiner mehr gemeldet, keiner spricht mit uns darüber, keiner trauert mit uns, man hält krampfhaft abstand von dem thema.
eine bekannte hat mich gestern gefragt wie es mir denn so ginge, die hatte noch nicht gewußt das unser baby gehen mußte. sie war sehr betroffen und ich dachte endlich mal verständnis. ich erzählte alles, zum schluß noch das es ein kleines mädchen war und dann kams , es haute mich fast lang hin! sie sagte : das ist ja ärgerlich, ausgerechnet jetzt, wo es doch ein mädchen war!! ich war so geschockt das ich ihr leider nicht die meinung gesagt habe. es ist doch wohl nicht wichtig ob junge oder mädchen , es war unser sehr erwünschtes kind , ganz egal was es wird, wir haben und wedrden es auch immer lieben.
ich weiß nicht ob ich es weihnachten lange bei den schwiegereltern aushalte, denn das schweigen über das alles tut genauso weh wie die dummen worte die man zu hören kriegt!

traurige grüsse von kirsten1971

Rita72
22.12.2005, 21:01
Hallo

Als ob es uns nicht so schon schlecht genug geht, muß die "Außenwelt" noch eins draufsetzen. Am meisten entsetzt war ich allerdings über die Reaktionen von "Fachleuten". Meine Hausärztin meinte z.B.-Zwei Wochen krank geschrieben reicht, es wäre doch eine schöne Ablenkung wenn ich dann endlich wieder arbeiten gehe. (ich arbeite im Kinderheim!)Ich dachte mich trifft der Schlag. Meine Arbeitskolleginnen sahen es ähnlich - ich soll möglichst schnell gesund werden, damit wieder alles läuft wie vorher. Wie soll das bitte gehen?...
Aber es geht auch anders. Meine Familie ist da und hört zu, das ist ein großes Glück. Aber die haben leider ähnliche Erfahrungen machen müssen, das verbindet.
Ich wünsche Euch allen, dass Ihr Menschen trefft, die Euch Kraft und Halt geben!

LG
Rita

Denise und Sven
22.12.2005, 21:48
Liebe Ines,

ja ich kenne diese Gespräche nur zu gut, und habe es im Lauf der Jahre auch aufgegeben mich mit Nichtbetroffenen auf eine Diskussion einzulassen. Naja manchmal geht es einfach nicht anders, dann schlittert man rein.

Doch habe ich auch festgestellt, das es oft nur die Unsicherheit des Umfeldes ist, die solche Antworten und Phrasen über die Lippen kommen lassen. Ich denke dann zwar immer: "kann man nicht einfach nachdenken ..." doch ich weiss nicht ob unser Umfeld das in dem Moment so richtig kann. Ich will sie nicht entschuldigen, aufregen tue ich mich auch darüber.

Letztens ist mir jedoch etwas passiert, da dachte ich: Mensch, die Frau denkt nach - zumindest im Nachhinein.
In meinem Nebenjob telefonier ich noch in einem Call Center. Da hat eine Kollegin einer Kundin am Telefon viel Glück zu ihrer Geburt gewünscht. Als sie den Hörer auflegte, sagte sie. Oh je, nun hab ich der Frau viel Glück zu ihrer Geburt gewünscht und war ganz down. Eine Nichtbetroffene wünscht ja eigentlich was anderes.
Ich sagte dann zu ihr, das ich das garnicht so verkehrt finde, ich meine - es hätte ja eine Sternenkindmami sein können, weiss man ja nicht und da finde ich es nach wie vor doch angebracht. Vielleicht noch anders ausgedrückt, doch der Gedanke war da. Und vor allen Dingen, sie hat über ihre Worte nachgedacht und das fand ich sehr schön.

Ich wünsche dir mit der Zeit ganz viel Gelassenheit ... auch wenn es schwer wird.