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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Suche neuen Austauch, Erfahrungen über das "Weiterleben"


andreab
14.08.2005, 22:21
Hallo und guten Abend,

oft lese ich wieder hier im Forum der Schmetterlingskinder.
Kürzlich hatte ich wieder eine Fehlgeburt, die fünfte in den letzen 8 Jahren.
Trotzdem finde ich irgendwie nicht die rechte Ansprache an euch Frauen.
Euch, die ihr auch alle etwas kostbares hergeben mußtet.
Und wenn ich ehrlich bin, ich habe oft nur euch, bei denen ich mich aufgehoben fühle.
In all den Jahren ist mein Bekanntenkreis soweit zu sagen, ich soll doch meine verstorbene Tochter nicht für alles verantlich machen.
Was ich natürlich nicht tue.

Nun ja, natürlich bin ich keine "normale" Frau mehr in meinem Umfeld.
Natürlich ticke ich anders.
Natürlich habe ich Phasen, in denen ich nicht weiß wie das alles weitergehen soll.
Phasen in denen ich in mir verschwinde und kaum zu packen kriege, was wieder los ist.
Ich morgens, mittags, abends müde bin.... natürlich.

In den letzten 8 Jahren hatte ich 5 Fehlgeburten,
unsere Tochter Emma-Marie starb mit 6 Wochen an SMA, unsere Tochter Lucie lebt munter und fidel mit uns.
Ich ertrage es kaum, kein Kind mehr gebären zu dürfen, nicht mehr schwanger sein zu können.
Es hört nicht auf,auch nach der letzten Fehlgeburt nicht vor 1 1/2 Monaten.

Ich weiß auch schon nicht mehr wo ich hin gehen kann. Eine Therapie habe ich nach 2 Jahren abgebrochen.
Beten kann ich nicht mehr. Und sonst weiß ich leider auch keine helfende "Methode".
Also, falls eine von euch eine Idee hat.... ich würde mich freuen, von euch zu hören.
Ich fände eine Forum gut, wo man Austausch hat über die Veränderungen, die über Tage, Wochen, Monate, Jahren da mit einem geschehen, und wie sie die ein oder andere Forumsfrau empfindet.
Was hilft oder geholfen hat.

Leider weiß ich nicht, wie ich das cleverer Weise mal anbringen soll, außer heute abend mal einen ersten SChritt zu vagen

Ich hoffe sehr, von Euch zu "hören", wie´s euch so geht - mit der Zeit.

simone finck
14.08.2005, 23:27
liebe andrea,

sei willkommen hier im forum, auch wenn es ein trauriger anlass ist, der uns alle hier zusammenführt.

du hast viel erlitten die letzten jahre, so viele kinder hast du gehen lassen müssen, der schmerz und die trauer um unsere kinder, die nicht bei uns sein dürfen, ist so endlos groß.

viele der frauen und männer hier im forum begleiten sich seit etlichen monaten oder jahren auf ihrem individuellen trauerweg. im trauerforum (hauptforum) wirst du viele innige kontakte finden zu menschen, die ebenfalls kinder verloren haben und dich stützen können und denen auch du etwas mit auf den weg geben kannst.

das weiterleben erscheint nach so viel leid, wie du es erfahren musstest, so schwer, fast unmöglich. ich hoffe, dass du für dich einen gangbaren weg findest.

versuche, deine trauer zu leben. auch im alltag. auch mit deinem lebenden kind. es ist wichtig für euch als familie, dass ihr auch den kindern gedenkt, die nicht unter euch sein dürfen. und es wird dir helfen, letztendlich das unfassbare zu akzeptieren.

wenn wir auch nicht verstehen, weshalb unsere kinder gegangen sind.


ich wünsche dir alles liebe, viele innige kontakte hier im forum, und viel kraft für die kommende zeit,

simone

Constance
15.08.2005, 10:00
Liebe Andrea!

Auch von mir ein herzliches Willkommen, auch wenn der Anlass leider traurig ist.

Es tut mir leid, dass Du so viele Baby´s hast hergeben müssen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich immerzu fragt, wie es nur weitergehen soll.
Auch ich wünsche mir sehnlichst noch ein Kind.

Ich musste im Mai diesen Jahres auch wieder ein Kind hergeben. Ich wusste noch nicht mal, dass ich schwanger war, vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben, da mein Zyklus eh immer nicht der regelmäßigste ist.

Ich habe mir eine Aufgabe gesucht, um meinem Leben wieder einen neuen Sinn zu geben.
Wir haben gemeinsam mit befreundeten Trainern einen Schwimmverein gegründet. Ich trainiere nun wieder selbst und kümmere mich um sämtliche organisatorische Dinge.

Liebe Grüße
Constance mit Thotti und Mika hier bei mir ,2** und Cedric für immer in unseren Herzen
Es gibt keine Worte für unseren Schmerz

In liebevollem Gedenken an unseren kleinen Sternenprinz Cedric
http://www.cedrics-seite.de.vu

Susanne1310
15.08.2005, 17:26
Liebe Andrea,

es fällt selbst mir nicht leicht die richtigen Worte für Dich und dein Schicksal zu finden. Natürlich tut es auch mir unendlich leid, dass deine Schwangerschaften so glücklos geendet sind. Aber meine wahren Gefühle in Angesicht deines Briefes kann ich nicht in Worte fassen. Und genau in diesem Augenblick wird mir bewusst, welche Probleme mein Umfeld mit mir haben muss.
Ich frage mich eben in diesem Augenblick:
Wieviele Menschen haben Dir bereits Beileid ausgesprochen? Sicherlich viele.
Wieviele haben nach jeder glücklosen Schwangerschaft zu Dir gesagt: versuche es noch einmal? Bestimmt auch sehr viele.
Und gibt es wie bei mir Menschen, die gesagt haben: nun ist soviel Zeit vergangen, lass es ruhen und gehen. Reiß Dich mal zusammen? Bestimmt gibt es auch derlei Menschen in deinem Leben, so wie bei mir.
Ich glaube jede Frau hat ihren individuellen Schmerz. Und genau deshalb ist es manchmal auch sehr schwer den "richtigen Draht" zu finden. Ich kann mich noch genau an meinen ersten Kontakt mit einer Selsbthilfegruppe erinnern, kurz nach der Geburt meiner toten Mädchen. Da sprach man von Kerzen anzünden, Engeln und derlei komische Dinge. Ich konnte mich einfach nicht dazu hinreißen lassen derlei Dinge nachzuahmen. Also stand ich die ersten Monate auch ganz allein da.
Ich hatte jedoch das ungemeine Glück intensiven Kontakt zu anderen Kulturen herstellen zu können: Ich sprach mit betroffenen Frauen aus Indien, Sri Lanka und den Philipinen. Das hat mir aus einer tiefen Sinnkrise geholfen.
Was ich damit sagen möchte ist: Gib niemals auf nach der für Dich passenden Kragenweite zu suchen. Es gibt auch für Dich einen passenden Weg, der etwas ins Licht führt. Aber egal welchen Du beschreitest, ich glaube es ist kein Radiergummi, der alles auslöscht. Der Schmerz, die Trauer und auch die Hilflosigkeit wird nie aussterben.
Ich wünsche Dir von ganzen Herzen, dass Du den für Dich richtigen Verarbeitungsweg findest.

Liebe Grüsse
von Susanne und im Herzen Johanna und Corinna

andreab
16.08.2005, 00:44
Hallo,

ja, ich merke es tut gut von den "anderen" Frauen und Männern zuhören.

Aber wie bekomme ich es gut hin, mit unserer Tochter die Trauer zu leben? Sie ist 4,5 Jahre alt
und eh einen Stand in unserer Familie, der viel von ihr abverlangt.

Es liegt dann wieder alles so nah bei einander; Freud und Leid.

Sei lieb gegrüßt

andreab
16.08.2005, 00:46
Liebe Constance,

vielen Dank für Deine Zeilen.

Es freut mich und gibt auch Kraft, wenn ich lese, daß du aktiv bist.
Das du dich engagierst.

Ich finde leider nichts - und mich findet da leider auch nicht -
zur Zeit.

Gute Nacht

andreab
16.08.2005, 00:49
Liebe Susanne,

ja, die richtige Kragenweite hört sich gut an - freut mich sehr für
dich.
Ich warte und irgendwie hoffe ich es auch für mich zu finden.

MÖchtest du mir verraten, was diese Länder und ihr "Glaube" dir gegeben haben?
Ein Zugang zu buddhistischem Glauben?

Grüße zur Nacht

Susanne1310
20.08.2005, 18:29
Hallo Andrea,

nein, ich habe auch in diesen fernen Ländern keinen Zugang zu irgendeinen Glauben gefunden.
Nach wie vor gibt es für mich keinen Gott oder Allah oder Manitu, der über uns wacht und entscheidet. Ich werde auf meine "alten" Tage auch nicht damit anfangen meinen rein wissenschaftlich/rationellen Weg zu verlassen. Ich glaube an die Kraft der Natur, die nach Gesetzmässigkeiten waltet und eben nur das kann, wann in ihrer Macht steht. Wenn also uns Frauen ein derart schreckliches Ereignis widerfährt gilt es zuerst zu klären, ob es vielleicht sogar ein gut gemeinter Schachzug der Natur war. Wenn dies nicht der Fall war, so wie bei mir, so sollte man wirklich und ernsthaft überprüfen, ob die Natur nicht sogar vorher vor einem derartigen Disaster gewarnt hatte. Meist findet sich schnell ein derartiges Muster. Und zudem meist auch der Grund, warum derartiges passieren musste und nicht selten landet man bei der Antwort : menschliches Versagen.
Das ist aber nicht das, was ich dort gelernt habe, dass ist nur mein "Glaube" und zudem mein roter Lebensfaden.
Von den Philipinos habe ich gelernt:
"Es ist schrecklich, wenn derartiges einer Frau und einem Mann widerfährt. Aber es ist geschehen. Und auch wenn es noch so derartig schmerzt und einen verbittert: es ist geschehen. Es ist nicht rückgängig zu machen. Egal, ob man sein Leben nun grundlegend ändert und alles hinschmeisst. Oder ob man so weiter macht wie bisher ... diese Kinder sind tot, bleiben tot und werden nie nie mehr zurück kommen. Aber, sie sind in unseren Herzen niemals gestorben. Sie sind in unseren Köpfen niemals gestorben. Dort existieren sie in Form der schönen Erinnerungen an sie. Erinnere Dich an die Schwangerschaft, erinnere Dich an das Füßchen oder Beinchen, welches durch den Bauch nach außen drang. Erinnere Dich daran, was das Ungeborene gemocht hat und freue Dich daran, dass es ihm in deinem Bauch sehr sehr gut ging.
Und in deiner echten Lebenswelt gehe deinem Leben getrost nach, die Kinder würden nichts anderes wollen.
Und....sieh zu ein neues Kind zu machen ... ab hopp hopp."
Auf englisch hört es sich schöner an und setzt sich eher im Kopf fest. Und dieses Volk hat recht.
Die Inder und Sri Lankis denken so ähnlich. Nur sie erlauben sich vollkommen ungehemmte Trauer: schreien, klagen, jammern und weinen bis zur Ohnmacht. Dann stehen sie auf und setzen ihr Leben in gewohnter Weise fort. Also ... auch sie arbeiten sobald als möglich an neuem Nachwuchs.
Und genau das ist meine Wellenlänge.
Ich habe, als ich mit meinem Mann 2 Monate lang an Bord mit gefahren bin oft an Deck gestanden und 2 bis 3 mal kräftig geschrien, geweint und dann tief durchgeatmet. Nach 2 Monaten war ich sozusagen erlöst und lebe mein Leben wie gewohnt weiter. Ich habe die Kraft mein Studium mit ungeahnt guten Leistungen zu beenden und warte darauf, dass mein Mann auch wieder nach Hause kommt und mal sehen....
Natürlich habe ich nichts vergessen. Natürlich bleibt das Erlebte ein dunkles Loch. Natürlich gibt es auch gerade beim Einschlafen mal Tränen. Aber ich bin nicht mehr beladen und denkunfähig.
Vielleicht hilft es auch Dir ein wenig weiter.

Liebe Grüße
von Susanne