PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : der 16. Tag ohne mein Baby


Annette 1970
05.08.2005, 23:26
Hallo. Ich weiß nicht warum ich das jetzt tue. Vielleicht ist es einfach das Bedürfnis es aufzuschreiben. Bin nicht gerade oft im Internet oder in irgendwelchen Foren vertreten. Aber nachdem ich einige Beiträge gelesen habe, möchte ich Euch da draussen, die ihr ähnliches durchgemacht habt, einfach meine Geschichte erzählen. Heute ist der 16. Tag ohne mein Baby. Ich habe unsere kleine Tochter am 20.07.2005 um 20 Uhr abends, in der 19. Schwangerschaftswoche, tot zur Welt gebracht. Ich kann das immer noch nicht fassen und immer wieder möchte ich einfach nur sagen "Ich will mein Baby zurück", aber mein Verstand klärt mich dann immer wieder auf.
Ich habe bereits eine 2,5 jährige Tochter und diese Schwangerschaft war gewünscht und vom Zeitpunkt her, in dem ich schwanger wurde, nahezu perfekt. Der Geburtstermin, 24.12.2005 war auch etwas besonderes, auch wenn ich das von anfang an für unser Baby etwas traurig fand.
Jetzt wird jedes Weihnachtsfest einfach anders und der 24.12. kann nie mehr so sein wie früher.
Mein Mann geht seit dieser Woche wieder arbeiten und ich muss schmerzlich spüren, dass das Leben keine Pause macht. Der Alltag mit meiner kleinen Tochter lässt mir kaum Raum das geschehene zu verarbeiten. Sie hat schon genug mitbekommen und hat kein gutes Verhältnis zum "lieben Gott". Der hat uns ja ihrer Ansicht nach das Baby weggenommen. Ich war ja auch schon im 5 Monat und so haben wir es ihr auch gesagt, dass sie ein Geschwisterchen bekommen würde. Jetzt ist sie traurig und mir fehlen teilweise die Worte ihr kindgerecht zu erklären, dass wir jetzt kein Baby bekommen werden. Überhaupt weiß ich im Moment nicht, wie ich jetzt weitermachen soll.
Mein Verstand, der versucht die realistisch zu sein und den Verlust zu akzeptieren. Aber mein Körper fühlt sich noch nicht viel anders an und jeden abend liege ich im Bett und lege die Hand auf meinen Bauch. War da nicht was? ......Nein, da kann kein Leben mehr sein.

Ich hatte freitags noch einen Vorsorgetermin. Mein Arzt stellte lediglich fest, dass in der Fruchtblase zu wenig Fruchtwasser sei. Das könne eine Momentaufnahme sein, meinte er. Ich solle nach dem Wochenende wieder kommen, dann würde er noch mal einen Ultraschall machen. Das Baby drehte mir das Gesicht zu, und winkte mit dem süßen kleinen Fuß. Deutlich konnte ich die 5 kleinen Zehen erkennen. Heute erscheint mir dieses Bild wie ein Abschied. Als hätte mir die kleine, der ich gerne den Namen Helena geben wollte, sich bei mir verabschieden wollen.
Ich entschied mich lieber gleich für einen Kliniktermin, da mein Arzt mich da sowieso hingeschickt hätte, sollte sich der Zustand nicht ändern. Und so fuhr ich dienstags mit meinem Mann, zum Glück ohne unsere kleine Tochter, nach Wiesbaden.
Das Bild auf dem Ultraschall war nicht mehr als Baby zu erkennen. Eine zusammengerollte Wirbelsäule war da zu sehen. Und der Arzt sagte nichts. Ich ahnte es ja, weil ich auch auf dem Ultraschall nichts richtiges mehr erkennen konnte. Aber die Sekunden kamen mir vor wie Minuten. Er stellte immer wieder den Lautsprecher an und wir hörten nur Rauschen. Dann, nach einer Ewigkeit teilte er uns nur noch mit, dass er keine Herzaktivität mehr feststellen könne. Ich konnte das nicht fassen, brach in Tränen aus und bat ihn noch mal nachzusehen. Irgendwie hoffte ich doch wirklich auf ein Wunder. Er tat uns den Gefallen, aber unser Baby war definitiv tot.
Dann kamen Untersuchungen, Aufklärungsgespräche, Aufnahmebögen für den nächsten Tag usw. Damit brauche ich niemanden zu belästigen.
Am nächste Tag fuhr mich eine Freundin in die Klinik. Die Geburt wurde eingeleitet und 12 Stunden später wurde unsere Kleine geboren.
Nach der auf die Geburt folgenden Ausschabung haben wir dann Abschied genommen.
Ich bin froh dass ich sie sehen konnte, aber ich habe bereits nach einigen Tagen gemerkt, dass mir ein körperliches Gefühl fehlt. Ich hätte sie anfassen sollen, über ihr kleines Ärmchen streicheln sollen. Vielleicht wäre dann mehr geblieben als ein Polaroid und eine Karte mit Fußabdruck.
Und jetzt, .... ich weiß es noch nicht. Ich versuche jeden Tag für meine Tochter und meinen Mann stark zu sein. Vielleicht werde ich irgendwann wieder positiver in die Zukunft blicken.

Immerhin bin ich nicht allein. Zumindest das hat mir dieser Abend vor dem PC gebracht. Ich wünsche euch allen viel Glück für die Zukunft.

Annette

Sabrina
06.08.2005, 13:06
Liebe Annette,

es tut mir leid, daß Deine Kleine zu den Sternen gegangen ist. Laß Dich umarmen und Dich hier im Forum willkommen heißen.

Wir haben unsere Zwillinge Aylien und Selina in der 23 SSW verloren. Ich vermisse die beiden auch so unendlich.

Wir haben die beiden noch 2 Stunden in den Armen gehalten und ich kann Dich sehr gut verstehen, daß Dir das fehlt. Ich habe viel über dieses Thema in Büchern gelesen und ich weiß, daß man das noch nachholen kann. Vielleicht kannst Du Dich ja mal mit dem Krankenhaus in Verbindung setzen. Das Buch, was ich sehr toll finde und was mir auch seht gut geholfen hat heißt "Gute Hoffnung - jähes Ende" von Hannah Lothrop. Das ist bestimmt auch sehr vielen hier im Forum bekannt.

Deine Tochter und Dein Mann helfen Dir unheimlich, das ist bei mir genauso. Aber es ist genauso wichtig, daß Du Dir auch Zeit für Dich und Deine Trauer läßt.

Ich wünsche Dir viel Kraft für die jetzige Zeit und die Zukunft.

Annette 1970
07.08.2005, 11:08
Liebe Sabrina,
vielen Dank für Deine lieben Worte. Deine Geschichte ist auch sehr traurig. Ich fühle mit Dir, aber zumindest das haben wir hier ja alle gemeinsam.

Gestern bekam ich eine Karte mit einem Gedicht

Laß vergehen!

Laß vergehen, was vergeht!
Es vergeht, um wiederzukehren,
es altert, um sich zu verjüngen,
es trennt sich, um sich inniger zu vereinen,
es stirbt, um lebendiger zu werden.

(Friedrich Hölderlin)

Ich möchte das auch so gerne glauben. Dass ich unsere Kleine irgendwann, in einem anderen Leben, kennenlerne. Dass es ihr, da wo sie jetzt ist, gut geht. Sie nicht leiden muss. Ich bin eigentlich kein gläubiger Mensch, aber so ein Erlebnis lässt einen alles neu überdenken. Und vielleicht braucht man solche Träume von anderen Leben, anderen Welten, um überhaupt mit so einem Verlust fertig zu werden.
Ich habe noch keinen Obduktionsbericht. Die sagten mir dass kann bis zu zwei Monaten dauern. Unser Baby ist also nicht mehr im Krankenhaus, sondern wird obduziert. Dieses fehlende Körpergefühl werde ich also nicht nachholen können. Mir bleibt nur ein schlechtes Polaroid. In 6 Wochen etwa werden wir wohl wissen, was im Bauplan der Natur nicht gestimmt hat. Das macht mir bischen Angst.

Ich wünsche Dir weiterhin viel Stärke und Mut für die Zukunft.

Liebe Grüße
Annette

Es fällt mir schwer hier einen Namen für unser Kind anzufügen. Mein Mann hatte sich noch gar keine Gedanken gemacht weil wir noch nicht wussten, was es wird. Und jetzt......! Ich hätte sie gerne Helena getauft. Aber ich kann ja jetzt nicht einfach hingehen, und alleine unserem Baby einen Namen geben!

Sabrina
07.08.2005, 12:24
Liebe Annette,

ich hoffe, daß die 6 Wochen bis zum Ergebnis der Optuktion schnell vergehen, damit Ihr Gewißheit habt.

Hoffentlich kannst Du mit Deinem Mann gut reden und gemeinsam um Euer Kind trauern - das ist sehr wichtig.

Ulrike Yannah
07.08.2005, 12:54
Liebe Annette,

auch von mir ein trauriges und herzliches Willkommen in unserem Forum.

Für Deine Tochter Helena möchte ich hier gerne ein Kerzlein anzünden:


http://bilder.muschel.net/kerzen/kerze147.jpg


Ich glaube, dass es gerade jetzt in der ersten Zeit besonders schwer ist zu "begreifen" und kann sehr gut nachvollziehen, wie schwer es sein muss, dem kleinen Geschwisterchen zu erklären, dass das Baby, auf das sich alle so freuten nun nicht mehr da ist und statt dessen Trauer eingekehrt ist, dass dieses Geschwisterchen nun jenseits der Wolken wohnt und man es nicht anfassen kann.

Liebe Annette, ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel Unterstützung, liebevolles Verständnis und ganz viel Zeit für Dich, für Deine Trauer und für Deinen Weg. Fühle Dich hier bei uns aufgehoben und verstanden.

Ich sende Dir stille Grüße
[font color="#993333"][FONT FACE="Century Gothic"]Ulrike mit zwei einzigartigen, erwachsenen Kindern, einer wundervollen Enkelin und einem Sternen-Engel Rebecca http://www.kprkpr.de/Weihnachten/Weihnachtsbilder/Sterne/ster11.gif
http://www.beepworld.de/members88/rebeccasseiten

Gerlind
07.08.2005, 14:25
Liebe Annette,

ein trauriges aber herzliches Willkommen im Forum.

Ich glaube, es ist schon wichtig und richtig eurer Tochter einen Namen zu geben. Weisst du, bei uns stand der Mädchenname zum Zeitpunkt der Geburt (33.SSW) schon soweit fest, vielleicht, hätten wir es uns aber auch noch anders überlegt. Bei einem Jungen war der Name noch viel unklarer... Als uns der Arzt fragte, ob wir schon einen Namen für unsere Tochter haben, hab ich bloß meinen Mann angeschaut und er meinte dann gleich "Elena" und so war es gut.

Sprich doch nochmal mit deinem Mann, sag ihm dass es dir wichtig ist, eurem Kind einen Namen zu geben und du auch schon eine Idee hast. Er wird es dir sicher nicht abschlagen.

Alles Liebe für euch

Gerlind mit Elena im Herzen bei mir

Andrea mit Sternchen Janin
09.08.2005, 12:51
Liebe Anette!
Es tut mir sehr leid, dass deine kleine Tochter ins Sternenkinderland gezogen ist und nicht bei euch bleiben durfte.
Ich hoffe, dass dir dieses Forum ein wenig helfen kann, deinen Weg der Trauer zu finden und zu gehen.
Es ist ein langer, beschwerlicher Weg. Niemand kann ihn euch abnehmen.

Helena ist ein sehr schöner Name und vielleicht kannst du mit deinem Mann darüber sprechen, dass du eure Tochter gerne so nennen möchtest.
Sie ist euer Kind und ein Name wird euch helfen sie in euren Herzen zu bewahren.
Unsere Tochter Janin haben wir in der 21. Woche nach einer Infektion und einem vorzeitigen Blasensprung verloren. In der Neujahresnacht war ich ins Krankenhaus gekommen, am 2. Januar ist sie früh Morgens still geboren.
Es tut immer noch weh, dass sie nicht bei uns ist, aber der Schmerz ist etwas leiser geworden.
Ich schicke dir viel Kraft für euren weiteren Weg und zünde diese Kerze für deine Tochter an.
http://www.am-horizont.de/Kerzen/kera1.jpg

Leise Grüße,
Andrea mit Janin für immer im Herzen

Annette 1970
10.08.2005, 09:39
Ihr Lieben Alle!
Vielen herzlichen Dank für die lieben Grüße, das liebevolle Willkommen und die tröstenden Worte.
Es hilft tatsächlich und ich fühle mich hier doch irgendwie aufgehoben. Das Buch "Gute Hoffnung - jähes Ende" habe ich mir jetzt bestellt. Ich will mich schon mit dem Thema auseinandersetzen. Verdrängen wäre wohl schlimmer. Also versuche ich die Trauer anzunehmen und den Verlust zu verarbeiten. Besonders abends, wenn meine kleine Tochter im Bett ist, dann überkommt es mich immer ziemlich schlagartig. Aber ich habe mal gelesen dass nur die ungeweinten Tränen krank machen. Also kriege ich meistens abends meinen Zusammenbruch. Am nächsten Tag fühle ich mich dann meist etwas leichter.
Zur Zeit beschäftigt mich immer wieder die Frage der Schuld. Ich weiß zwar rational dass ich keine Schuld habe, denn ich war wohl eine vorbildliche Schwangere (nicht rauchen, nicht trinken, keinen gefährlichen Sport, keine Medikamente und sogar auf meine Lieblingssalami habe ich verzichtet). Aber trotzdem kommt in mir immer wieder die Frage hoch "was habe ich falsch gemacht"!
Die Kleine ist in mir verhungert. Ich habe 5 Kilo zugenommen aber das Baby hat davon nichts abbekommen.

In einigen Wochen werden wir mehr wissen.

Ich wünsche Euch allen von Herzen Trost und neuen Lebensmut.

Herzlichst
Eure Annette mit Hannah (2,5 Jahre auf dem Schoß) und Trauer um "Helena" im Herzen.