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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Möchte euch von mir erzählen..bin sehr traurig sehr lang


Silvi_Callista-Luisa
08.06.2005, 15:53
Hallo ihr lieben
Ich bin noch nicht dazu gekommen euch meine Geschichte aufzuschreiben. Ich habe zwar schon auf einige Beiträge hier im Forum geantwortet aber nicht den richtigen Moment gefunden was von mir zu erzählen. Das möchte ich nun endlich einmal tun. Es mag sein dass alles ein wenig ausführlicher ausfällt aber ich schreib einfach auf wie ich diese schlimmen Tage in Erinnerung habe.

Es war der 07.12.98 und ich war gerade in eine neue Wohnung umgezogen. Ich wollte mich an diesem Tag ummelden gehen und stand so gegen zehn auf. Ich musste durch das Kinderzimmer um ins Bad zu gelangen und hab mich ganz still und leise durchgewuselt. Ich hab mich nicht eine Sekunde darüber gewundert dass alles so still ist weil mein Sohn Florian eigentlich eh einen sehr tiefen festen Schlaf hatte. Ich ging duschen und dachte mir, von dem Föhn wird er sicherlich von selber wach. Aber als ich den Föhn ausgeschaltet habe, war immer noch nichts zu hören. Ich hab die Tür zum Kinderzimmer geöffnet und wusste schon in dem Moment was geschehen war. Ich bin ans Bettchen gelaufen und dachte im ersten Moment:ach was der schläft ja noch. Er hat immer auf dem Bauch geschlafen und ich konnte im Halbdunkel auch nicht fiel erkennen. Aber als ich ihn hochgenommen habe, konnte ich sehen dass er schon blaue Flecken hatte. Ich hab ihn ganz sanft ins Bett zurück gelegt. Da ich kein eigenes Telefon besaß bin ich die straße runter zur nächsten Telefonzelle und habe meine Vater angerufen, keinen Notarzt oder ähnliches nur meinen Vater. Ich hab mich nicht mehr in die Wohnung getraut und bin weinend und wartend einfach stehen geblieben. Er kam auch recht schnell und wollte gerade nach dem Kleinen fragen und ich konnte nur noch sagen: Florian ist tod. Wir sind zusammen zu meiner Wohnung gefahren und die Treppen hochgerast. Er ging sofort ins Kinderzimmer und hob den kleinen aus dem bett....und sein Köpfchen ist einfach so nach hinten gerollt...ich hab dieses Bild noch heute so deutlich vor augen als wäre es gestern erst geschehen. kaum zu fassen dass es schon so lange her sein soll..In diesem Moment habe ich erst wirklich gewusst was passiert ist und bin schreiend zusammengebrochen. ich hab immer nur gerufen: MEIN KIND; MEIN KIND. Mein Vati hat gesagt wir müssten sofort ins Krankenhaus...ich dachte: Die Rettung...endlich. Und hab den Kleinen umgezogen und gewickelt. Mein Vater stand kopfschüttelnd daneben..jetzt wo ich es so erzähle habe ich das gefühl ich stand neben mir und habe uns beiden zugeschaut...wir haben den kleinen in eine Decke gewickelt und sind losgefahren. Am Krankenhaus ist ein stückchen Decke von Flos gesicht gerutscht..da wo man noch nichts gesehen hat von dem vielen Blau...und ich dachte, die helfen mir, da ist noch was zu machen.
Wir sind sofort in die Notaufnahme gestürmt..ohne Anmeldung ohne Klingeln...und ich hab das Bündelchen auf die nächste Trage gelegt. Es waren sofort viele schreiende Schwestern und Ärzte um mich..man brachte mich in einen Nebenraum und gab mir sofort ohne Kommentar eine Spritze. Mein Kind brachte man einfach weg. Der Arzt,der dem kleinen auf die Welt verhalf, hatte an diesem Tag dienst und kam zu mir. Ich hab ihn angefleht ihm zu helfen und dafür zu sorgen dass er wieder die augen aufmacht..er hat nur völlig betreten den Kopf geschüttelt und mich gefragt ob ich einen Pfarrer sehen möchte. Ich hab darum gebeten den Kleinen noch einmal sehen zu dürfen, ich wollt ihm noch so viel sagen (Daher auch der offene Brief im Kerzenforum) aber man liess mich nicht. Der Arzt meinte es wäre nicht gut für mich. Meinen Vater allerdings ließ man noch einmal zu ihm und er sagte als er herauskam:"Er sieht aus als würde er schlafen. ich habe ihm über die Wangen gestreichelt aber als er die augen nicht mehr aufgemacht hat habe ich ihm gesagt dass wir ihn lieben und vermissen werden. Ich hab mich für dich von ihm verabschiedet".
Wir haben mit dem Pfarrer zusammen für ihn gebetet und ich wurde mit ihn dessen Arbeitszimmer genommen..da kam bereits die Kripo. Auch wenn ich mich gefühlt hab wie ein Verbrecher haben sie doch sehr pietätvoll ihre Aufgabe gemacht und waren sehr sehr rücksichtsvoll...die Fragen waren sehr hart, aber es gibt genug Leute die ihre Kinder töten und ich konnte und kann es heute noch gut verstehen. Sie mussten es ja fragen...
Danach wurden wir einfach nach Hause geschickt...
Ich würde euch gerne beschreiben wie die nachfolgenden Tage für mich waren aber ich glaube mein Gehirn hat diese Zeit zum Schutz gegen das Verrückt werden einfach gelöscht. Ich kann mich einfach nicht mehr daran erinnern..alles tod und leer von diesen Wochen. ich weiss nur noch dass er am 17.12. beerdigt wurde und ich ihm ein großes Herz aus Roten Rosen hab binden lassen. Und dass die Kripo noch einmal anrief und mir bestätigte dass es der plötzliche Kindstod war und ich mir nichts vorzuwerfen hätte. Er wäre am 24.12 neun monate alt geworden...

Das ist meine Geschichte und ich dachte eigentlich dass die langen Jahre dazu gereicht hätten das ganze ein wenig zu verkraften und zu verdauen. Aber leider hab ich gerade in jüngster Zeit festgestellt dass ich daran noch immer zu kämpfen habe. Ich habe im letzten jahr eine Tochter zur welt gebracht und sie ist nun ungefähr im selben alter wie er war als er sich in eine andere Welt geträumt hat. Ich habe wahnsinnige Angst um sie und mit jedem Abend fällt es mir schwerer sie einfach ins Bettchen zu legen. Ich hab immer solche Angst vor dem nächsten Morgen. Sie versteht gar nicht warum ich so weine und versucht mich dann immer mit lachen und necken aufzumuntern. Aber sie kann es ja auch noch nicht begreifen.
Im Moment ist einfach alles wieder da, der schmerz, die Gefühle und vor allem die Tränen. Ich habe angst wieder in ein tiefes Loch zu fallen denn ich musste lange Therapien hinter mich bringen um überhaupt wieder lachen zu können...Ich mag aber auch nicht jeden in meiner Nähe damit belasten und auch wenn ich leute über dieses Forum kennengelernt habe (DANKE LIEBE JENNY!!!) die mir sehr helfen und für mich da sind so will ich sie nicht noch belatschern mit meinen Ängsten. Sie haben das gleiche durch gemacht und müssen erst einmal ihr eigenes Leben ordnen. Und irgendwie komm ich mir einsam vor mit meinen Tränen..mir geht es sehr schlecht und für Mann und Kind tue ich so als wäre nichts. Ich bin hilflos und all die ungesagten Vorwürfe in mir hämmern den ganzen Tag auf mich ein. Ich frage mich immer: Warum mein kind? Was habe ich falsch gemacht? War ich eine schlechte Mutter? Wollte er vielleicht nicht bei mir bleiben???

Ich weiss nicht ob ihr euch die Mühe gemacht hab bis hierher durchzulesen denn es ist doch lang geworden. Wenn ja danke ich euch und hoffe auch ihr schickt mir vielleicht einen sonnenstrahl in diesen dunklen Tagen. Ich vermisse mein Kind so schrecklich und auch wenn ich noch ein Mädchen glücklich neben mir liegen habe so ist doch der Erstgeborene nie vergessen und unersetzt.

Ich bin im Moment einfach völlig unten und weiss mir keinen Rat mehr. Ich habe das Gefühl meine Angst sitzt mir im Nacken und ich kann dem Tod einfach nicht ausweichen...

Traurige grüße unter Tränen
Silvia

Elisabete
08.06.2005, 16:34
[center]
Liebe Silvia,

Deine Geschichte macht mich fassungslos und ich finde irgendwie nicht die richtigen Worte um Dich zu trösten.

Lass dich mal ganz fest umarmen!

Kennst Du das Buch "Kein Laut mehr aus deiner Wiege" von Anne Diamond?
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404613856/qid%3D1118236613/028-3709803-1670122
Vielleicht wäre das ja was für Dich?

Sei herzlich willkommen hier im Forum. Ich denke, Du wirst hier einigermaßen aufgefangen werden.

Diese Kerze hier ist für Deinen Florian.

http://www.forum.frauenworte.de/user_files/1151.gif

Traurige Grüße
Eli mit [font color=ffdd00 size=5pt]*Felix und *Anjinho



Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,
Von vielen Blättern eines.
Das eine Blatt - man merkt es kaum,
Denn eines ist ja keines.
http://www.forum.frauenworte.de/user_files/513.gif
Doch dieses eine Blatt allein
War Teil von unsrem Leben.
Drum wird dies eine Blatt allein
Uns immer wieder fehlen.

Johann Wolfgang von Goethe

Cordi
08.06.2005, 16:59
Liebe Silvia,

ich weiss auch nicht so recht, was ich dir zum Trost schreiben könnte, mir fehlen wirklich auch die Worte. Deine Geschichte hat mich sehr berührt.

Liebe Silvia ich schicke deinem Sternenkind Florian einen ganz lieben stillen Gruß.

Traurige Grüße

Petra32
08.06.2005, 17:05
Liebe Sylvia,

herzlich willkommen hier bei uns.
Ich hab Deine Geschichte gelesen.
Du hast keine Schuld, das weißt Du, ja?

Es tut mir unendlich leid, daß Dein kleiner Spatz nicht bei Dir bleiben konnte.
Die Welt ist manchmal so furchtbar ungerecht. :(

Ich zünde meine Sternenkinderkerze für Deinen kleinen Florian an.
http://www.am-horizont.de/Kerzen/kerze7.jpg

leise, aber liebe Grüße

Petra

Sabine_Fabian
18.06.2005, 21:42
Liebe Silvia,

ich weiß nicht, was ich sagen soll. Deine Geschichte ist so traurig, unfassbar.
Warum durftest du deinen Sohn nicht mehr sehen? Das ist doch grausam. Eine Mutter muss sich doch verabschieden dürfen.

Lass dich mal ganz sacht in den Arm nehmen.

Liebe Grüße
Sabine mit

http://www.cosgan.net/images/smilie/engel/c010.gif Fabian (02.06.2003,34.SSW)für immer im Herzen eingekuschelt