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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : "Das Trauerkind" von Sabine Mecki


Sonja64
30.03.2005, 00:36
Ihr Lieben,

ich wollte nicht, daß dieses wunderbare posting über das Trauerkind verschwindet. Ich hoffe, Sabine ist damit einverstanden. Hier also von Sabine Mecki "Das Trauerkind".

Alles Liebe
Sonja
mit Sternilein Gilles



"Ihr Lieben!
Oft lese ich hier, oder spüre es auch selbst.
"Ich dachte, ich hätte die Trauer irgendwie im Griff, da schlug sie mit aller Härte wieder zu". So oder so ähnlich hat es jeder von uns schon empfunden. Ich habe mich oft gefragt warum, und bin jetzt auf eine Lösung gestoßen.

Das Trauerkind

Der Moment, an dem wir unser Kind gehen lassen mußten, ist der Moment der Geburt unserer Trauer.
Und wie ein Neugeborenes verhält sie sich auch. Sie füllt unser ganzes Wesen aus, unseren ganzen Tag, unser ganzes Dasein. Wie ein Säugling den ganzen Tag von uns getragen wird, tragen wir die Trauer 24 Stunden. Wir spüren ihr Gewicht körperlich in Form von Schmerz. Die Trauer liegt auf unserer Brust, nimmt uns die Luft zum Atmen, und trinkt unsere Energie. Es gibt nichts Anderes in dieser ersten Zeit, nur den Schmerz, die Kraftlosigkeit, die Trauer.

Aber ein Säugling entwickelt sich, zunächst unmerklich, dann mit kleinen Sprüngen. Plötzlich kann es von der Mutter wegrobben, eigenes Terrain entdecken. Es wird nicht mehr 24Stunden am Tag an der Brust getragen, will das auch nicht. Es braucht noch immer sehr viel Körperkontakt, aber auch Freiraum. Und irgendwann schläft es zum ersten Mal durch.
Und unsere Trauer: Verblüfft stellen wir fest, daß wir die Trauer zwar noch ständig spüren, daß der körperliche Schmerz aber Pausen macht, Pausen an denen man zwar noch sehr intensiv trauert, aber wieder atmen kann. Die Lebensenergie wird nicht mehr unendlich abgezogen, Kleinigkeiten des Alltags sind uns wieder möglich. Manche Mütter können das erste Mal nach langer Zeit wieder nachts schlafen, bei Anderen waren (wie bei manchen "lebenden Kindern") die Nächte eigentlich kein so großes Problem. Wieder ist das "Schlafenkönnen" nicht das Maß unserer Trauer oder gar unserer Liebe zu unseren Sternchen.

Dann kommt das Kind in den Kindergarten. Am Anfang macht sich die Mutter große Sorgen, denkt die ganzen 4 Stunden ununterbrochen an ihr Kind. Manche Kinder fällt der Übergang leicht, andere klammern. Liebt eine Mutter ihr Kind weniger, wenn das Kind losläßt und geht? Natürlich nicht. Liebt eine Mutter ihr Kind weniger oder mehr, wenn das Kind mit 5 Jahren mehr oder weniger Körperkontakt braucht? Natürlich nicht. Und nach dem Kindergarten kommt das Kind in die Arme der Mutter geflogen, holt sich die Geborgenheit die es braucht, und will erzählen
Genauso ist es mit unserer Trauer. Nicht einschneidend, aber schleichend, gibt es Momente, an dem wir die Trauer nicht spüren, an dem wir vielleicht über Witze lachen können, einen Kuschelabend mit unserem Partner verbringen oder richtig aufmerksam einen Film ansehen können, ohne ständig an unseren Verlust zu denken. Und wie bei den lebenden Kindern, so ist diese Entwicklung auch bei unseren Engelchen bei jedem Anders. Aber die Liebe ist immer die Gleiche. Und der Schmerz kommt dann auch zurück, genauso nah genauso heftig wie man es schon gewöhnt ist.

Manchmal bekommt das Kind ein Geschwisterchen. Es ist eifersüchtig, weil das neue "Neugeborene" mehr Zeit und körperliche Nähe beansprucht, fühlt sich vom Thron gestoßen und fällt in alte Babygewohnheiten zurück.
So kann es auch unserem Trauerkind gehen, wenn ein Folgekind kommt. Schon in der Schwangerschaft stellt sich oft die körperliche Trauer ein, diesmal verbunden mit Angst. Und ist das Folgebaby erst einmal da, spüren wir den vorwurfsvollen "Blick" unseres Trauerkindes, manchmal wie körperlich "Und ich? Für mich hast Du keine Zeit mehr, liebst Du mich nicht mehr?", und wir bekommen ein schlechtes Gewissen, glauben eine schlechte Mutter zu sein, die ihr totes Kind vernachlässigt.
Irgendwann hat sich aber alles eingespielt. Das Trauerkind merkt, daß es auch Zeit für es gibt, daß es nicht vergessen ist. Auch das Folgekind lernt, daß noch ein Geschwisterkind auch die Liebe seiner Eltern mit beansprucht. Es wird zum Grab mitgenommen und wenn es älter wird, werden ihm Photos gezeigt und es wird ihm erklärt, was passiert ist. So wie Geschwister ganz selbstverständlich miteinander groß werden, lernt auch das Folgekind, daß das Sternenkind das Trauerkind bei seinen Eltern gelassen hat, an seiner statt. Und da auch bei der größten Geschwisterliebe Streit unvermeidlich ist, werden auch da Machtkämpfe um die elterliche Aufmerksamkeit nicht ausbleiben. Manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn man sein Folgekind richtig glücklich anlacht, dann wieder wird das Folgekind zum "Kasper" oder "Haustyrann" wenn es merkt, daß Mama "zu lange" heute so still und nachdenklich ist. Aber irgendwie gibt es dann auch schnell wieder Versöhnung.

Dann kommt das Kind in die Pubertät, lehnt sich gegen die Eltern auf, es gibt Zoff. "Laß mich in Ruhe. Du hast mir überhaupt nichts zu sagen" etc. Die Liebe der Mutter wird ausgetestet bis zum geht nicht mehr, aber sie ist (meistens) immer noch da, auch wenn viele Jugendliche den Kontakt zu ihren Eltern fast ganz ablehnen, die Türen verschließen.
Und unser Trauerkind: Jetzt passiert es zum ersten Mal, daß wir z.B. einen Kinderwagen ansehen, hineinschauen und das Baby bewundern, wartend auf das so bekannte Gefühl des Schmerzes- und es kommt nicht. Wenn das zum ersten Mal passiert, erschrecken wir uns wahrscheinlich, denken "Ich liebe mein Baby nicht mehr. Ich spüre den Schmerz nicht. Was bin ich für eine Rabenmutter". Aber die Trauer will nicht mehr "abrufbar" sein. Will einfach nicht mehr irgendwelchen Ritualen und Signalen gehorchen, will kommen und gehen, wann es ihm passt. Jetzt kann es sein, daß man von heftiger Trauer mitten in der Nacht geweckt wird, was wahrscheinlich schon lange nicht mehr passiert ist. Wie ein Jugendlicher, der nachts um 3 beschließt seiner Mutter doch von seinem Liebeskummer zu erzählen.

Dann irgendwann ist das Kind erwachsen, verläßt das Elternhaus. Stirbt damit die Liebe der Mutter? Nein. Nach einer Eingewöhnungszeit fängt die Mutter an, ihr Leben wieder ganz so zu leben, wie sie es möchte. Sie liebt ihr Kind, aber es ist aus dem Haus. Und jedes Kind ist anders. Einige rufen ihre Mutter 2 mal die Woche an, einige lassen sich noch eine Weile die Wäsche waschen und sie sehen sich häufig, wieder andere melden sich nur zu Weihnachten und Neujahr. Aber die Mutterliebe bleibt.

Und die Trauer. Auch die zieht irgendwann vielleicht aus, nur das warme Gefühl der Liebe zu diesem Kind bleibt. Und der gelegentliche Anruf, das gelegentliche Gefühl, das an den alten Schmerz erinnert, aber doch ganz anders ist.

Und wie es bei lebenden Kindern sein kann, daß auch nach vielen Jahren, die erwachsene Tochter mit einem Koffer in der Hand in der Tür steht, weinend in die Arme der Mutter fliegt und erst einmal wieder für ein halbes Jahr zurück ins alte Kinderzimmer zieht, kann auch unser Trauerkind zurückkommen, mal für einen Kurzbesuch, dann vielleicht sogar für eine ganze Phase. Aber ob das nun passiert oder nicht, die Mutterliebe ist die Gleiche.

Jedes Kind entwickelt sich anders. Einige lernen erst mit 2 Jahren laufen, andere ziehen schon mit 16 von zu Hause aus. Wir können das nur bedingt beeinflussen und es ist nicht das Maß unserer Liebe wie schnell oder gut sich ein Kind entwickelt. Es steckt auch in ihm.
Und jedes unserer Trauerkinder entwickelt sich nach seinem Tempo, mit seinen Fortschritten und Rückschlägen. Wir können mit Therapien und Gesprächen (wie zum Beispiel durch dieses Forum) versuchen die Entwicklung zu unterstützen, aber ganz steuern können wir sie nicht.

Es ist nicht das Maß unserer Liebe zu unseren Sternchen, wie wir trauern; körperlich oder seelisch, 24 Stunden oder in Schüben. Alles hat seine Zeit. Und die "Entwicklungszeit" unserer Trauerkinder läßt sich nicht in Erdenzeit messen. Manche sind schon nach wenigen Monaten "Schulkinder" andere sind noch nach Jahren in der "Säuglingsphase".

Wenn ihr es bis hierher geschafft habt: Alle Achtung.

Und ich möchte euch danken. Denn hier habe ich gelernt meine Trauer zuzulassen. Ich habe viel zu früh versucht, sie von mir zu schieben (die Trauer, NICHT die Liebe zu Wiebke). Das konnte nicht funktionieren, wir waren beide noch nicht soweit. Ich habe versucht, die Trauer für erwachsen zu erklären, obwohl sie die ganzen Phasen noch gar nicht durchlaufen hatte.
Aber so wie meine 9jährige eigentlich nur noch das Gefühl haben muß "Wenn ich will, kann ich jederzeit kuscheln kommen", also kurz antestet wenn ich ihren kleinen Bruder auf dem Schoß habe. Ich mache meine Arme auf, sie schlüpft hinein. Kurzer Kuß- weg ist sie. Sie hat ihre Sicherheit.
Und meine Trauer auch! Seitdem sie weiß, sie kann jederzeit kommen, drückt sie mir nicht mehr von innen die Seele ab, muß nicht mehr ständig fragen "hast Du mich noch lieb? Spürst Du mich noch?".

Ich wünsche Euch ganz viel Kraft, in welcher Phase Eure Trauerkinder auch gerade sind. (Meine ist, glaube ich, irgendwo zwischen Schulzeit und Pubertät).
Und ich hoffe, vielleicht eine Erklärung gefunden zu haben, warum "alte Hasen" und "frisch Trauernde" so unterschiedlich und doch so gleich sind. Denn wir haben alle unsere Mutterliebe zu unserem Sternenkindern, und wir haben alle unser Trauerkind, daß Beachtung einfordert.

Alles Liebe


Sabine, mit Maike und Marten fest an der Hand, und mit Wiebke im Herzen"

Sabine Mecki
05.04.2005, 11:00
Liebe Sonja!

vielen dank, daß du mir die "Arbeit" abgenommen hast. :) Ich hatte auch shcon daran gedacht, die Geschichte ins neue Forum rüberzukopieren.
Ich glaube, hier im "Erste-hilfe" forum ist sie auch am Besten aufgehoben, man wird sie schneller finden und kann ja im Hauptforum hierher verlinken.

Liebe Grüße
Sabine, mit Maike und Marten an der Hand, mit Wiebke und nun auch mira Madita im Himmel und für immer im Herzen

Sonja64
14.08.2005, 18:35
Ihr Lieben,


mal wieder ein Schubser für diesen wundervollen Text. Er hat verdient, gelesen zu werden.

Alles Liebe
Sonja
mit Sternilein Gilles

Katja75
20.10.2005, 15:08
Liebe Sonja,

ich schubs diesen Text nun einfach mal hoch und ich hoffe Sabine ist auch damit einverstanden. Vielleicht hilft er der einen oder anderen die neu, aus traurigem Anlass, zu uns gestossen sind.
Lieber Gruss
Katja mit Cosmo Liam im Herzen (*01.01.05 +03.01.05; 25.Woche
ET 07.04.05)

Sonja64
22.10.2005, 17:56
Ein Schubser für Susanne.


Alles Liebe

Sonja
mit Sternilein Gilles

Sonja64
30.12.2005, 14:09
.... mal wieder ein Schubs ....




Alles Liebe

Sonja
mit Sternilein Gilles

Elisabete
05.08.2006, 12:01
[font color=000088]schubs...
Eli

Tanja78
10.08.2006, 17:39
Vielen Dank

ich verstehe im Moment so vieles (noch) nicht doch beim Lesen ist mir etwas aufgefallen.
In den ersten Tagen nach der Geburt meiner ersten (gesunden) Tochter war ich zwar froh und glücklich, wusste auch, dass sie jetzt zu uns gehört und trotzdem hat es einige Tage gedauert bis es richtig gefühlsmäßig "angekommen" war.
Mit "meinem" Trauerkind scheint es ähnlich zu sein, es ist drei Wochen alt, ich spürte es auch von Anfang an aber jetzt überwältigt es mich und das machte mir Angst.
Jetzt nicht mehr so sehr...

Viele Grüße Tanja

Elisabete
22.08.2006, 13:58
[font color=000088]... für die viel zu vielen Neuen hier im Forum.
Traurige Grüße
Eli

Isis
25.10.2006, 21:46
[FONT COLOR="#000066"][FONT face="Comic Sans MS"][b] liebe grüße
iris
mit 5 sternen im himmel und 8 mäusen bei mir

hoffnung ist nicht die überzeugung,dass etwas gut ausgeht,sondern die gewißheit,dass etwas sinn hat-egal wie es ausgeht. (varel)

Jochen42
12.11.2006, 18:52
hallo
meine freundin hat im januar unser sternenkind tim im 5.monat hergeben müssen.ich war dabei,wollte ihr helfen,aber ich war so schwach.....in mir brach alles zusammen.
wir führen seit 2 jahren eine fernbeziehung über knapp 900km.
ich habe ein kind abgeben dürfen.... ich habe so ein gefühl,als wenn mir auch meine traumfrau genommen wird.... sie entfernt sich langsam aber stetig von mir..... obwohl sie es nicht wahrhaben will.

Elisabete
16.03.2007, 11:58
[center][font color=000088] für die Neuen.

Eli

anja24
16.03.2007, 23:09
Vielen Dank für "Das Trauerkind"!
Ich finde es ganz toll und sitze hier und heule Rotz und Wasser!
Es ist tatsächlich so.
Irgendwie ist es so tröstlich zu wissen, daß es Euch genau so geht....
in den Kindergarten geht Sie schon, mein liebes Trauerkind -meine PIA

Elisabete
09.08.2007, 10:10
[font color=000088]... viel zu viele Neue im Forum. :-(

Leise Grüße
Eli

[hr]Eine Entscheidung ist dann richtig,
wenn sie vernünftig ist
UND
sich gut anfühlt.[hr]

Kerstin-lotta
09.08.2007, 12:04
Liebe Elisabete,
vielen Dank für diesen Hochschubser... ich kannte das Posting noch gar nicht.

Liebe Sabine,
vielen, vielen Dank für diese schöne Geschichte.

Leise Grüße

Kerstin
mit Lasse fest im Arm und meinem Sternenkind tief im Herzen

Elisabete
22.08.2007, 15:32
[font color=000088]Leise Grüße
Eli

Elisabete
12.09.2007, 00:18
[font color=000088]nochmal schubs
Eli

Elisabete
25.10.2007, 22:56
[font color=000088]... schubs... :-(
Eli

[hr]Eine Entscheidung ist dann richtig,
wenn sie vernünftig ist
UND
sich gut anfühlt.[hr]

shasija
09.11.2007, 10:05
etwas so wohltuendes habe ich lange nicht gelesen, gescheige denn gehört. Ich glaube meine Kleine fängt langsam an zu laufen- in kleinen Schritten.

Sanna
28.02.2008, 18:40
Hallo

ich möchte einfach mal danke für diese schöne Geschichte sagen, sie mir einwenig bei meiner Trauerarbeit helfen können.

Danke

Sonja64
28.04.2008, 10:58
... für Becki hochgeschubst.


Alles Liebe

Sonja64
23.08.2010, 00:04
.... mal wieder schubs .....


Alles Liebe
Sonja

Claudia73
09.06.2011, 22:54
Ihr Lieben,

ich möchte gerne mal wieder das Trauerkind von Sabine Mecki hochschubsen...

vera2k
20.09.2013, 14:52
Dankeschön.
Ja, so ist es einfacher zu begreifen.
Danke

Vera

Elisabete
04.01.2014, 11:18
... schubs...

Leise Grüße
Eli